
Ein Paradebeispiel für die vielfältigen Veränderungen dieser Stadt ist die Rigaer Straße.
Nach der Wende zog es viele Bewohner Ostberlins in den Westen der Stadt. Daraus resultierte jedoch, dass von heute auf morgen ganze Straßenzüge im Osten wie leergefegt waren. Die Häuser lagen zum größten Teil brach, was sicherlich auch die Geburtsstunde der Berliner Hausbesetzerszene war.
Ein Verwandter von mir war einer von ihnen und ich war sehr oft dort. An viele Dinge erinnere ich mich noch genau, einiges kann ich auch nur noch aus Erzählungen wiedergeben. Es wurde also dieses leerstehende Haus besetzt, denn es wohnte ja niemand da, warum also nicht. Jeder hatte eine eigene Wohnung, eine davon wurde zur Gemeinschaftsküche ausgebaut. Hatten sie das Haus in einem desolaten Zustand vorgefunden, haben sie es innerhalb kürzester Zeit wieder hergerichtet. Badezimmer hatte jeder für sich, nur die Toiletten waren auf dem Gang. Das war schrecklich und ich hatte immer furchtbare Angst. Aber ich erinnere mich an viele tolle

Momente, wie gemeinsame Frühstücke auf dem Dach mit anschließenden Spaziergängen über den Dächern des alternativen Friedrichshain. Unten gab es eine Art Club. Einmal war wohl eine große Party mit einem Ganzkörper-Actionpainter, dessen Bilder sie nachher alle in die Tonne kloppten. Ein großer Fehler, wie sich später herausstellte, denn es war ein bekannter Künstler, dessen Bilder viel wert waren. Drogen gab es sicherlich auch viele, wie in den den besetzen Häusern wohl Gang und Gebe war. Davon habe ich aber als Kind nichts mitbekommen. Für mich war es eine fantastische Welt mit netten Menschen, Kindern zum spielen und einer freundlichen und alternativen Umgebung. Im Hof gab es eine Motorradwerkstatt und viel Platz zum Toben. Alles in allem perfekt. Aber mein Verwandter lebte dort nur wenige Jahre.
Ab 1992 wurden viele Mietverträge legalisiert und ab 1997 fingen auch schon die Räumungen an. Das hat vieles verändert. Heute ist das Rigaer-Kiez geprägt durch Luxussanierungen. Ehemalige Hausbesetzer sind heute Banker und so genannte Managing Directors. Das ehemalige alternative an Friedrichshain hat sich gewandelt in einen familienfreundlichen und vor allem teuren Stadtbezirk. Ein ganz eigenes Kiez ist es jetzt, aber ein anderes als früher. Die Kneipen wurden ersetzt durch Szenebars, es gibt stadtbekannte Burgerrestaurants und allerlei kulinarische Verführung aus aller Welt. Nur eins ist es nicht mehr: alternativ. Jeder ist anders, leider auch jeder auf die gleiche Weise. Hipster haben den Bezirk für sich gewonnen, ihn geradezu überrannt. Die meisten Urberliner haben ihn bereits aufgegeben und sich in andere Teile der Stadt zurückgezogen.

Die Rigaer Straße 94 ist ein aus der Hausbesetzerszene entstandenes Wohnprojekt, welches nach wie vor durch die bunte Hausfassade zu erkennen ist. Dieses zog in den letzten Jahren jedoch viel negative Publicity auf sich. Dennoch gehört es zur Straße dazu und spiegelt wenigstens noch eine kleinen Teil der Geschichte wider, die sich vor bald 25 Jahren dort abspielte.